Ein Haus, viele Ideen: In der Behringstraße in Ottensen wird ein Mehrfamilienhaus als Baugemeinschaft realisiert. Das Besondere: Alle zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner sind bereits Mitglieder des BVE und können von Anfang an ihr neues Zuhause mitgestalten.
Eine Baugemeinschaft ist ein Zusammenschluss von Menschen, die ein Haus gemeinsam planen, bauen und später darin wohnen. Dabei geht es nicht nur um die Finanzierung, sondern vor allem um die Idee, Nachbarschaft aktiv zu gestalten und Räume bewusst miteinander zu teilen. Die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner können bei der Gestaltung der Grundrisse, der Ausstattung und der Gemeinschaftsflächen mitbestimmen.
Gleichzeitig bleibt der BVE der Bauherr und übernimmt die Finanzierung. »Normalerweise treten Baugemeinschaften als bestehende Gruppe an uns heran. Hier war es andersherum: Wir hatten die Idee und haben dann die Gruppe aufgebaut«, erzählt Peter Finke, Abteilungsleiter für Mitgliederförderung beim BVE. Dies sei zunächst eine Herausforderung gewesen, doch mittlerweile habe sich eine stabile und engagierte Gruppe entwickelt, die den Namen »Reede 30« trägt.
Aus Alt wird Neu
Die Wohnanlage des BVE in der Behringstraße bestand bisher aus zwei Gebäuden mit sehr unterschiedlicher Ausgangslage. Ein Bestandsgebäude aus den 1950er-Jahren bleibt erhalten und wurde energetisch saniert: Die Fassade erhielt eine Dämmung zum Innenhof, wodurch das Gebäude fit für die nächsten Jahrzehnte gemacht wurde. Das kleinere Nachbarhaus hingegen war kaum noch zeitgemäß. Mit nur zwei Geschossen wurde es städtebaulich deutlich untergenutzt, eine Sanierung wäre wirtschaftlich und sozial nicht sinnvoll gewesen. Es wurde daher abgerissen, um Platz für einen Neubau zu schaffen, der mit fünf Geschossen künftig deutlich mehr Wohnraum bietet. Momentan prüft der Bezirk den Bauantrag für das Gebäude. Wenn alles planmäßig verläuft, können die neuen Bewohnerinnen und Bewohner Ende 2027 ihre Wohnungen beziehen.
Vielfalt unter einem Dach
Das neue Haus soll verschiedene Wohnformen unter seinem Dach vereinen: familiengerechte Wohnungen sowie Einheiten für Paare oder Singles. Hinzu kommen zwei Gemeinschaftswohnungen. Diese bestehen aus privaten Zimmern und Badezimmern sowie gemeinschaftlich genutzten Bereichen wie beispielsweise der Küche. Außerdem soll im Erdgeschoss ein großer Gemeinschaftsraum entstehen, der flexibel genutzt werden kann, beispielsweise als Treffpunkt, Co-Working-Space oder Veranstaltungsfläche.
Das langjährige BVE-Mitglied Christine Kruse ist Teil der Baugemeinschaft und wird gemeinsam mit ihrem Partner in eine der Gemeinschaftswohnungen einziehen. Gerade die Vielfalt der Wohnformen und die Möglichkeit, Nachbarschaft bewusst zu gestalten, waren für sie ausschlaggebend, sich dem Projekt anzuschließen. Die gemeinschaftliche Wohnform entspricht ihrem Wunsch nach einem Miteinander, das über klassische Nachbarschaft hinausgeht: »Die Vorstellung, in einer selbst gewählten Nachbarschaft zu leben und nicht alleine alt werden zu müssen, passt für mich einfach. Dieses Wohnprojekt ermöglicht genau die Art von Nähe, Austausch und Kontakt zu netten Menschen, die ich mir wünsche«, so Christine Kruse. »Da wir derzeit in unserer Wohnung noch zu zweit sind, würden wir uns sehr freuen, wenn sich zwei weitere Personen finden, die diese Mischung aus Gemeinschaft und persönlichen Rückzugsräumen schätzen und gerne mit einziehen möchten.«

Miteinander gestalten
Kernstück des Projekts ist die aktive Beteiligung der künftigen Bewohnerinnen und Bewohner. »Von der Aufteilung der Grundrisse über den Ausbau der Gemeinschaftsflächen bis hin zu Details wie Böden oder Küchenarbeitsplatten haben sie ein Mitspracherecht, soweit es technische Vorgaben und Förderrichtlinien zulassen«, berichtet Peter Finke. »Jeder Mensch hat eigene Vorstellungen davon, wie er wohnen möchte. Die Herausforderung besteht darin, diese Vielfalt hier auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Das macht das Projekt so spannend.«
Auch diese strukturelle Mitarbeit ist für Christine Kruse ein wesentlicher Bestandteil des Projekts. Um einen klaren organisatorischen Rahmen zu schaffen, gründete die Gruppe einen eigenen Verein. »Wir haben uns intensiv über unsere Vorstellungen ausgetauscht und gemeinsam eine Satzung sowie eine Geschäftsordnung erarbeitet«, so Christine Kruse. »Besonders in den Arbeitsgruppen, in denen wir die unterschiedlichen Themen weiterentwickeln und unsere individuellen Stärken mit einbringen, wird spürbar, wie viel Engagement in diesem Projekt steckt.«
Um das Miteinander der alten Nachbarschaft und der Baugemeinschaft zu fördern, gab es bereits erste Kennenlerntreffen. Bei einem Workshop zur Gestaltung des gemeinsamen Innenhofs kamen die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner des Neubaus mit den Bestandsmieterinnen und -mietern des sanierten Wohnhauses zusammen und tauschten ihre Ideen aus. Ziel war es, frühzeitig Begegnungen zu schaffen und die Basis für eine gute Nachbarschaft zu legen.
Bauen mitten in Ottensen
Die zentrale Lage in Ottensen bringt auch Herausforderungen mit sich: Höhenunterschiede zu den Nachbargebäuden, eine markante Ecksituation und die Organisation einer Baustelle an der belebten Behringstraße verlangen viele Abstimmungen mit dem Bezirk Altona. Doch darin sieht der BVE auch eine Chance: Es entsteht ein Neubau, der sich städtebaulich einfügt und zeitgleich neue Formen des Zusammenlebens ausprobiert. »Wir glauben, dass dieses Projekt über den Standort hinaus wirkt«, sagt Peter Finke. »Denn es zeigt, wie gemeinschaftliches Wohnen in einer Genossenschaft ganz praktisch aussehen kann.«